Pokal-Wahnsinn mit doppelter Verlängerung: TuSEM bezwingt Erstliga-Absteiger Leipzig

Pokal-Wahnsinn mit doppelter Verlängerung: TuSEM bezwingt Erstliga-Absteiger Leipzig
Spielbericht 22.08.2026
Handball-Zweitligist TuSEM Essen hat etwas überraschend die zweite Runde des DHB-Pokals erreicht. Die Mannschaft von Cheftrainer Kenji Hövels setzte sich nach einem unglaublich spannenden Spiel inklusiver doppelter Verlängerung mit 36:33 (31:31, 26:26, 15:16) gegen den Erstliga-Absteiger SC DHfK Leipzig durch. Für die Essener war Finley Werschkull mit acht Treffern bester Torschütze, auf Seiten der Gäste war Nationalspieler Franz Semper siebenmal erfolgreich.

Vor der Partie war die Favoritenrolle grundlegend klar verteilt: Der TuSEM hofft nach zwei Spielzeiten im Zeichen des Abstiegskampf auf eine entspanntere Saison, die Leipziger wollen nach ihrem ersten Abstieg seit elf Jahren schnellstmöglich zurück in die Bundesliga zurückkehren. Lediglich 1221 Zuschauer, darunter rund 20 Schlachtenbummler aus Leipzig, waren in die Sporthalle „Am Hallo“ gepilgert, um sich das Spiel anzuschauen. Eines vorweg: Niemand sollte sein Kommen bereuen.

Der TuSEM erwischte den besseren Start in die Partie. Angeführt von einem anfangs bärenstarken Rückkehrer Lukas Diedrich im Tor stellten die Hausherren früh auf 3:1 (5. Minute). Die Gäste schafften es zunächst kaum, die Essener Deckung vor Probleme zu stellen und lieferten sich einige technische Fehler respektive Fehlwürfe. Die Hövels-Sieben konnte somit ihren Vorsprung verteidigen und sogar auf vier Tore ausbauen (7:3; 10:6). Das einzige Manko beim TuSEM war das offensive Überzahlspiel, aus welchem die Essener kaum Kapital schlagen konnte. DHfK-Trainer Frank Carstens reagierte schließlich mit seiner ersten Auszeit und reagierte personell: Neuzugang Finn Schroven (Dormagen/in der letzten Zweitliga-Saison bester Vorlagengeber der Liga) sowie U-20-Nationalspieler Caspar Gauer kamen auf die Platte. Die Maßnahmen fruchteten: Die Sachsen fanden besser in die Partie und erzielten beim 13:13 durch eben jenen Schroven den ersten Ausgleich seit dem 1:1. Der sechsmalige DDR-Meister führte dann auch zur Pause (15:16).

TuSEM lässt Leipzig nicht davonziehen – Partie gerät zur Nervenschlacht

Der Start in die zweiten 30 Minute ging ebenfalls an die Gäste. Staffan Peter und Franz Semper stellten auf 15:18 und der TuSEM hatte Fortune, als sich Caspar Gauer kurze Zeit später einen technischen Fehler erlaubte. So wuchs der Vorsprung nicht auf vier Tore heran. Insgesamt entwickelte sich die zweite Halbzeit zu einem recht zähen Ringen mit weniger spielerischen Highlights als noch vor dem Seitenwechsel. Was bei beiden Mannschaften allerdings herausragend war: Einsatz und Leidenschaft. Die Essener kämpften sich mehrfach auf ein Tor heran, ehe der starke Werschkull in Minute 48 die Leipziger Führung egalisierte (23:23). Der Lautstärkepegel in der Arena „Am Hallo“ wurde nun des Öfteren ausgereizt – die Stimmung war trotz vergleichsweise überschaubarer Kulisse phasenweise sensationell. Die Schlussphase der regulären Spielzeit geriet dann zu einer echten Nervenschlacht: Nachdem vier Minuten lang kein Treffer fiel, brachte Staffan Peter Leipzig 55 Sekunden vor Schluss mit einem Tor in Führung (25:26). Der TuSEM konterte in Person von Felix Göttler, aber Leipzig hatte noch einmal den Ball. Die letzte Auszeit der Carstens-Sieben führte jedoch nicht zum gewünschten Erfolg, sodass die Partie in die Verlängerung ging.

Spätestens jetzt entwickelte sich dieses Erstrundenspiel zu einem dramaturgischen Wahnsinn. Frank Carstens brachte auf Leipziger Seite Fritz-Leon Haake, Neuzugang vom Dessau-Roßlauer HV, der bislang kaum Spielzeit erhalten hatte. Der 22-Jährige fügte sich glänzend ein, traf zum 27:29 sowie zum 28:30. Die Essener blieben jedoch cool – Der angeschlagene Felix Mart, Felix Göttler, der mit zunehmender Spieldauer immer stärker wurde sowie der unermüdlich ackernde Valentin Willner drehten das Spiel zugunsten der Hövels-Sieben (31:30, 68. Minute). Die Arena glich (mal wieder) einem Tollhaus, was die Gäste jedoch nicht weiter verunsicherte: Franz Semper glich zunächst aus, ehe Leipzig nach einem Göttler-Fehlwurf rund eine halbe Minute auf der Uhr blieb, um die Partie für sich zu entscheiden. Doch Kreisläufer Moritz Preuss beging Sekunden vor der Sirene ein Stürmerfoul, sodass sein (entscheidendes) Tor keine Anerkennung fand.

Stabile Deckung bringt Essen den Sieg – Leipzigs Haake sieht die rote Karte

Die zweite Verlängerung musste also herhalten, das Siebenmeterwerfen und damit die Lotterie warf bereits ihre Schatten voraus. Der TuSEM setzte nun auf Durchschlagskraft und brachte Neuhaus und Kostuj auf die Platte – mit Erfolg: Der Kapitän traf direkt zum 32:31. Die Essener Deckung arbeitete in diesen Minuten sensationell, woran auch der eingewechselte Finn Knaack seinen Anteil hatte. Leipzig gelang in den ersten fünf Minuten der zweiten Verlängerung lediglich ein Tor, der TuSEM ging mit einer 33:32-Führung in die absolute Crunchtime. Dass bei beiden Mannschaften angesichts mehr als kräftezehrenden 75 Minuten die Konzentration teilweise nachließ, war mehr als verständlich. Und dennoch waren die Essener in den nun entscheidenden Momenten wacher, spritziger und cleverer. Leipzigs Haake konnte Finley Werschkull beim Tempogegenstoß nur unsanft stoppen – das Schiedsrichter-Duo aus Gummersbach zückte die rote Karte (77. Minute). Den anschließenden Siebenmeter verwandelte Felix Mart höchst souverän zum 34:32, was die Essener in eine mehr als komfortable Ausgangslage brachte. Mehr noch: Der junge Mittelmann legte mit einem Treffer aus der eigenen Hälfte nach und beendete alle Leipziger Hoffnungen auf ein Comeback. Den letzten Treffer des unerwartet langen, aber fantastischen Handball-Abends erzielte Finley Werschkull (36:33, 79. Minute), mit Schlusspfiff brachen beim TuSEM alle Dämme.

„Herzlichen Glückwunsch an den TuSEM zu einem verdienten Sieg. Wir haben hier heute eine Lektion bekommen, wie man ein Pokalspiel angehen sollte. Schon die Anfangsphase ging ganz klar an den TuSEM, da hat uns kämpferisch und spielerisch einiges gefehlt. Anschließend wurde es ein offenes Spiel, ein geiler Fight. Beide Mannschaften haben um jeden Zentimeter gerungen. Wir hatten uns den Spielausgang anders vorgestellt, aber wir müssen uns jetzt aufrichten und für die Liga gewappnet sein. Ich wünsche dem TuSEM alles Gute für den Ligastart“, zeigte sich DHfK-Cheftrainer Frank Carstens auf der anschließenden Pressekonferenz bemerkenswert fair.

„Danke für die Glückwünsche. Ich habe so ein Spiel noch nicht erlebt und die junge Mannschaft, die wir haben, vermutlich auch nicht. Daher bin ich umso stolzer, dass wir das über die zwei Verlängerungen für uns entschieden haben. Wir kommen hervorragend ins Spiel rein, obwohl wir unsere Überzahlsituationen nicht gut ausspielen. Dass Leipzig dann besser wird, war zu erwarten. Für uns ist es ein riesiger Entwicklungsschritt, dass wir dann dranbleiben und Leipzig nicht davonziehen lassen. Unsere Deckung war insgesamt großartig, nur 33 Gegentore über zwei Verlängerungen, ein riesen Kompliment an unsere Abwehr. Die Momentaufnahme ist jetzt natürlich fantastisch und gibt uns Rückenwind für unser schwieriges Auftaktprogramm“, so TuSEM-Cheftrainer Kenji Hövels.

Die zweite Runde im DHB-Pokal findet bereits in rund einem Monat statt (22-24. September). Dann könnte dem TuSEM theoretisch ein Highlight-Spiel gegen Magdeburg, Kiel oder Flensburg winken. Für die Essener richtet sich allerdings zunächst der Fokus auf den Liga-Auftakt: Am kommenden Sonntag (30. August) ist die HSG Nordhorn-Lingen in der Arena „Am Hallo“ zu Gast. Anwurf ist um 17 Uhr.

TuSEM Essen – SC DHfK Leipzig 36:33 n. d. V. (31:31, 26:26)

TuSEM Essen: Knaack (acht Paraden, 38 Prozent), Diedrich (sechs Paraden, 23 Prozent) – Mart (4/1), Göttler (7), Willner (5), Zunic, Wolfram, Homscheid (3), Eißing (6/3), Schley, Wolf, Neuhaus (2), Kostuj, Mast, Werschkull (8), Schoss (1)

SC DHfK Leipzig: Suljakovic (neun Paraden, 45 Prozent), Mrkva (zehn Paraden, 31 Prozent) – F. Haake (2), Binder (4), Peter (5/1), Schroven (3), Hinriksson (1), Gauer (2), Semper (7), Rogan (2), Voß, Bombač (6), Preuss (1), Hertzfeld, Koschek

Siebenmeter: 4/6 (Homscheid scheitert an Mrkva, Eißing scheitert an Suljakovic – 2/3 (Koschek scheitert an Knaack)

Zeitstrafen: 2 – 4 (rote Karte für Fritz-Leon Haake, 77. Minute)

Schiedsrichter: Marvin Cesnik und Jonas Konrad (Gummersbach)

Zuschauer: 1221 in der Sporthalle „Am Hallo“

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